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Alexithymie  (Zum Nachdenken) Verfasst: Mittwoch, den 04. November 2009 00:08

alexithymie

Alexithymie - auch Gefühlsblindheit - ist ein Persönlichkeitsmerkmal welches geschätzte 10% der Bevölkerung betrifft und damit für mehr als 10 Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum relevant ist.

Alexithymie beschreibt die Schwierigkeit oder auch Unfähigkeit von Personen Ihre Gefühle hinreichend wahrnehmen und beschreiben zu können. Vielen Gefühlsblinden ist ihr Defizit kaum bewusst und es wird meistens nur im Kontakt mit engen Angehörigen oder mit dem Partner zum Problem.

Charakteristische Merkmale der Alexithymie
Schwierigkeiten, Gefühle zu identifizieren und von
körperlichen Sensationen zu unterscheiden
Schwierigkeiten, Gefühle zu beschreiben
Extern orientierte Denk- und Sprechweise, wenig
Verbindungen zu affektiven Komponenten
(Marty et al. 1963: pensée opératoire)
Mangel an Phantasie und Vorstellungsvermögen
Historisches
Ruesch und MacLean 1948/49
Psychosomatische Patienten haben gefühlsmässig „nicht das Laufen
gelernt“: Gefühle werden direkt in eine Art „Organsprache“ übersetzt
Shands 1958
Unfähigkeit über Gefühle zu sprechen als Merkmal psychosomatischer
Patienten, die ungeeignet für Psychotherapie sind
Sifneos und Nemiah 1972/73
Prägung des Alexithymie-Begriffes
A = Verneinung; lexis = Sprechen; thymos = Gemüt
alexein (αλεξειν) = abwehren

Normalverteilung in der Bevölkerung
Männer im Mittel alexithymer als Frauen
Prävalenz (TAS-20 ≥ 61)
5-10% der Frauen
9-17 % der Männer
Assoziation mit
höherem Alter
niedrigerem sozioökonomischen Status
fehlender Partnerschaft
Bei vielen psychischen / psychosomatischen Störungen Prävalenzraten von 20-60%

Zwei unterschiedliche Modelle für die Entstehung der Alexithymie
1. Intrapsychischer Abwehrvorgang
Stabilisation des emotionalen Befindens in konflikthaften oder
traumatisierenden Lebensbezügen in der Kindheit durch
Verleugnung emotionaler Empfindungen
2. Defizit der intrapsychischen Entwicklung
Unzureichende Ausdifferenzierung affektiver Ausdrucksmodi in der Kindheit
Übereinstimmend: Relevanz negativer früher Bindungserfahrungen
Alexithymie, Trauma, PTSD
Krystal (1988): Alexithymie und frühe psychische Traumata
können zusammenhängen
Emotionale Vernachlässigung
Beeinträchtigung emotionaler Entwicklung
Neurobiologische Veränderungen
Empirische Studien bestätigen dies mehrheitlich, z.B.
Zusammenhang von schwerem sexuellen Missbrauch in der
Kindheit mit späterer Entwicklung alexithymer Charakteristika
(Bermond et al., Psychother Psychosom 2008)
Meta-Analyse von 12 Studien, insgesamt 1095 PTSD-Patienten
(Frewen et al., J Trauma Stress 2008)
Zusammenhang von PTSD und Alexithymie
Therapeutische Relevanz: Interventionen zur Verbesserung von
Defiziten der Emotionsregulation nicht nur traumabezogen

Schon sehr früh hypothetische Erklärungsversuche auf
neurobiologischer Ebene, z.B. von MacLean (1949)
Wenig direkter Austausch zwischen visceral brain und word brain
=> emotionale Erregung bleibt im Hippocampus statt in die
Hirnrinde weitergeleitet zu werden
Aktuelle Hypothesen, teilweise belegt durch klinische Fälle,
EEG-, PET- oder fMRI Untersuchungen
Rechtshemisphärische Dysfunktion oder relatives linkshemisphärisches
Übergewicht (indifferente emotionale Reaktionen)
„Funktionelle Callosotomie“ (interhemisphärisches Transferdefizit)
Störungen im anterioren cingluären Cortex (Störung der
Wahrnehmung von Emotionen)
Störungen im (dorsolateralen) orbito-frontalen Cortex (erhaltene
Wahrnehmung von Emotionen, aber Verlust der Reaktion darauf)

Resultat von 3 von 4 empirischen Studien:
Zusammenhang von Alexithymie und schlechterem Outcome
psychodynamischer Psychotherapien
(Simson et al. 2006; McCallum et al. 2003; Ogrodniczuk et al. 2004 & 2005;
Grabe et al. 2008)
Erklärungshypothesen
Reduzierte oder nicht vorhandene Introspektionsfähigkeit
Vermindertes Interesse für introspektive kognitive Aktivitäten
Negative Reaktionen des Therapeuten (Verzweiflung,
Hoffnungslosigkeit, Leeregefühl) auf alexithyme Patienten
Für kognitive Verhaltenstherapien mit Expositionen scheint
dies nicht zu gelten
3 von 4 Studien fanden keinen solchen Zusammenhang, …
… aber eine Verbesserung der Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen
und zu beschreiben
(Bach & Bach 1995; Rufer et al. 2004, 2006 & submitted)

Hohe Bedeutung des Alexithymie-Konstrukts in Bezug auf
Hypothesen zur Ursache (Risikofaktor) und Aufrechterhaltung
(psycho)somatischer Störungen sowie die …
… daraus abzuleitenden therapeutische Interventionen
Alexithymie sollte vermehrt bzgl. des psychotherapeutischen
Vorgehens beachtet werden
Verbesserung der allgemeinen Emotionsregulation als Therapieziel
Rein verbale Interventionen sind möglicherweise ungünstig im
Vergleich zu einem (auch) handlungsorientierten Vorgehen, z.B.
Expositionen => neue emotionale Erfahrungen => Änderung von
Gedanken, Bewertungen und Einstellungen => nachhaltiger
Therapieerfolg
Für Wissenschaft und Praxis viel versprechendes Konstrukt in
Hinblick auf Zusammenhänge zwischen
Emotionen Û Psychophysiologie Û somatischen Symptomen.

Leider werden heute Alexithymie mit Depressin behandelt.
Aber als recht zuverlässig hat die Diagnostizierung mit Hilfe der TAS-26 (der Toronto-Alexithymia Scale) erwiesen.


Alexithymie im Wikipedia
ZDF über Alexithymie


Wie funktioniert das Gehirn eines Alexithymen?

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